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Coming and Going – Kommen und Gehen

Ausstellung Paul Wieghardt (Lüdenscheid 1897-1969 Wilmette/Chicago)

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„Als Paul und ich am 15. Mai 1931 in Paris ankamen, holten uns am Bahnsteig des Gare du Nord unser Malerfreund Kurt Groeger und seine französische Freundin Simone ab. Kurt war, wie auch Paul, Meisterschüler bei Professor Robert Sterl an der Dresdner Kunstakademie, während ich dort Bildhauerei bei Professor Karl Albiker studierte.“ So beginnt Nelli Bär, die spätere Ehefrau des Malers Paul Wieghardt, ihre Erinnerungen über das „Kommen und Gehen“, ihre Reisen und schließlich die Flucht 1940 aus Norwegen vor der Invasion der deutschen Truppen in Skandinavien.





Paul Wieghardt in seinem Atelier, Dresden, um 1929, unbekannter Fotograf, Slg. Wieghardt Lüdenscheid

Paul Wieghardt, 1897 in Lüdenscheid geboren, besuchte nach einer Lehre im väterlichen Malerbetrieb die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Köln. Es folgten ein Semester am Bauhaus in Weimar und schließlich das mehrjährige Studium der Freien Kunst an der renommierten Dresdner Akademie. Die Entscheidung Dresden und damit Deutschland zu verlassen und nach Paris zu gehen, war eine sicherlich wohl überlegte und vor allem den zu dieser Zeit weitaus besseren Ausstellungs- und Studienbedingungen für Künstler geschuldet. Außerdem hatten die befreundeten Malerkollegen Kurt Gröger und Robert Liebknecht ähnliche Gedanken des Neubeginns in Frankreich. Seit Frühjahr 1933, dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers in Deutschland, suchten mehr und mehr Künstlerkollegen den zunächst sicheren Ort der französischen Kunstmetropole zu erreichen. Man half sich gegenseitig, Paul und Nelli teilten ihre beengten Wohnverhältnisse, bis die Flüchtlinge „eine ähnlich billige Bleibe für sich selbst fanden.“

Die Biografie des Künstlerpaares Nelli und Paul ist geprägt vom „Kommen und Gehen“, vom bewussten Reisen über die Entscheidung zur Veränderung des Lebensmittelpunktes bis zur mehrmonatigen Flucht mit ungewissem Ausgang. Paul Wieghardt verließ seinen Geburtsort Lüdenscheid, sein künstlerisches Arbeiten verlangte neue Impulse und neue Erfahrungen. Die Begegnungen und vielgestaltigen Eindrücke, die er im Laufe seines Lebens erfuhr, ließen ein umfangreiches und in seiner Entwicklung beeindruckendes künstlerisches Werk entstehen, das noch bis zum 29. März in der Galerie der Stadt Lüdenscheid zu sehen ist.

Menschen verlassen ihr Zuhause: kurzzeitig, um die Welt kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen – oder dauerhaft, um woanders eine neue Heimat zu finden oder finden zu müssen. Paul und Nelli Wieghardt, die jüdischer Herkunft war,  trafen diese Entscheidung im April des Jahres 1940: „In den frühen Morgenstunden des 8. April 1940 lauschten Paul und ich mit Beklemmung dem Radio. In dieser Nacht fanden wir keinen Schlaf, denn wir hatten aus den Nachrichten von der deutschen Invasion in Dänemark erfahren, und dass jetzt Norwegen an der Reihe sei – unvorstellbar, aber Tatsache. Während der Nacht überdachten wir, was wir tun sollten. Als um fünf Uhr am Morgen die Nachrichten bestätigten, dass die Einfahrt zum Oslo-Fjord bombardiert wurde, stand Pauls Entschluß fest und seinem unfehlbaren Urteil vertrauend, willigte ich ein: wir wollten auf der Stelle fliehen.“





Paul Wieghardt, o.T. (Oslo, Botschaftsgebäude mit amerikanischer Flagge), 1936,  Galerie der Stadt Lüdenscheid, Paul Wieghardt Stiftung © Evanston Art Center, successor to the Estate of P. Wieghardt/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Das Bild, das die Botschaft in Oslo darstellt, malte Wieghardt in Norwegen, bereits  Gedanken an die Fluch in sich tragend.

Am 17. November trafen sie endlich in New York ein. Über Schweden, Moskau, mitten durch Sibirien nach Japan, dann über den Pazifik nach Südamerika und USA verlief eine regelrechte Odyssee. Der jeweilige Fortgang der Flucht war nie klar, Möglichkeiten ergaben sich oder auch nicht, das Warten auf Visa war zermürbend, die Wochen vergingen und das wenige Geld war knapp: „Dann endlich, nach sieben Wochen des Wartens und Hoffens, bekamen wir unsere Visa und fuhren mit dem Zug den Panamakanal entlang zu dem Schiff, das uns nach New York bringen sollte. Es war ein sogenannter Bananendampfer der United-Fruit-Linie.“

Wieghardt verließ Europa und fand zusammen mit seiner Ehefrau eine neue Heimat. Es standen große Herausforderungen an, aber die neuen Eindrücke und Möglichkeiten ließen sowohl ihr künstlerisches Schaffen in ungeahnter Weise wachsen als auch weitere Fähigkeiten als vielgeachtete Pädagogen renommierter Kunstinstitute in Chicago entdecken.

Zitate aus: Nelli Wieghardt-Bar, Erinnerungen, Typoskript 1993. (Die im Text stets verwandte Schreibweise „Bär“ ist korrekt, dieser Geburtsname wurde erst in den USA in „Bar“ umgewandelt, da im englischen Sprachraum Umlaute ungebräuchlich sind.)





Paul Wieghardt als Vorsitzender der Fakultät für Bildende Künste am Art Institute of Chicago inmitten seine Kollegen, 1967, unbekannter Fotograf, Slg. Wieghardt Berlin

Terminhinweis: Am Samstag, 8. Februar 2020, 19:00 Uhr eine Veranstaltung mit Heike Steinweg, Berliner Fotografin, die sich zuletzt bevorzugt mit dem Motiv geflüchtete Frauen beschäftigt hat, in de´r Städtischen Galerie anbieten. Sie wird aus den "Erinnerungen" der Nelli Bar-Wieghardt lesen.

Bildnachweis: 1. Paul Wieghardt in seinem Atelier, Dresden, um 1929, unbekannter Fotograf, Slg. Wieghardt Lüdenscheid  / 2. Paul Wieghardt als Vorsitzender der fakultät für Bildende Künste am Art Institute of Chicago inmitten seine Kollegen, 1967, unbekannter Fotograf, Slg. Wieghardt Berlin / 3. (Gemälde) Paul Wieghardt, o.T. (Oslo, Botschaftsgebäude mit amerikanischer Flagge), 1936,  Galerie der Stadt Lüdenscheid, Paul Wieghardt Stiftung © Evanston Art Center, successor to the Estate of P. Wieghardt/VG Bild-Kunst, Bonn 2019.