Die Totenschleier von Frau Agnes

Friedhöfe: Von Gedächtniskultur zum Kulturgedächtnis

 





Detail Friedhof Mathildenstraße Lüdenscheid Foto Susanne Thomas.jpg

„Die Füchse brauen“ so sagen manche Leute, wenn sich die lichten Frühjahrsnebel über die Wiesen legen. Einige Ältere wissen jedoch, dass dies die Totenschleier der Frau Agnes vom Agnesenhof bei Siegen sind, die so bitteres Leid erfahren musste, dass ihr Herz zerbrach. 
Frau Agnes war in jungen Jahren eine schöne, liebende und geliebte Frau. Ihr Ehemann musste zum Kampf gegen die Türken ziehen und ließ Agnes mit ihren sieben Kinder zurück.
Nicht lange danach klopfte der Tod an die Pforte des Agnesenhofes bei Siegen und entriss ihr eins ihrer Kinder. Sie begrub das Kind unter Tränen nahe bei einem Weißdornbusch, wohl glaubend, der Weißdornbusch hielte die bösen Geister ab und bewahre die übrigen Kinder davor, von Dämonen entführt zu werden. 

Aber jedes Jahr trat der Tod von neuem wieder über die Schwelle, jedes Jahr wuchs auf dem Moosgrund um den Weißdornbusch ein weiterer kleiner Grabhügel. Täglich ging die trauernde Mutter hinunter in den Moosgrund zu den sieben kleinen Hügeln und betete für das Seelenheil der toten Kinder. Als Frau Agnes aber eines Tages die Nachricht erhielt, dass ihr Ehemann mittlerweile verstorben sei, brach ihr Herz endgültig.

Alljährlich zu Ostern verlässt die Mutter ihre Gruft und wandelt, in ihre Sterbeschleier gehüllt, hinunter zu den Gräbern ihrer Kinder, ihre Tränen fallen wie Tau auf den moosigen Grund und wo ihre Füße die Erde berühren, da sollen weiße sternförmige Blumen erblühen.

Nach Adolf Wurmbach, Siegerländer Sagen 1967 (Vorländer Verlag), bearb. von Susanne Thomas

Der Tod ist bilderfreundlich

Die Sage lässt dies zwar nicht erkennen, aber es ist anzunehmen, dass Frau Agnes die Gräber ihrer Kinder gewiss geschmückt haben wird. Wo diese kleinen Gräber genau lagen und wo die erwähnte Gruft von Frau Agnes eventuell gestanden haben könnte – darüber hat sich der Schleier der Geschichte und Fiktion ausgebreitet.

„Der Tod ist bilderfreundlich“ schreibt der Sozialwissenschaftler Philippe Ariès in seiner „Geschichte des Todes“. „Trotz des Diskurses über den Tod, der überhand nimmt seit es eine Schrift und damit eine anfangs geistliche Literatur gibt, bleibt das Bild das dichteste und direkteste Ausdrucksmittel des Menschen angesichts des Mysteriums des Hingangs“. Besser als kann man die Bedeutung der Bestattungskultur und des Totengedenkens nicht ausdrücken.
Die Ruhestätten der Verstorbenen sind oftmals eine Art Pendant der Wohnstätten der Lebenden und erzählen viel über deren Status, das Repräsentationsbedürfnis, das Selbstverständnis und die religiösen Wertvorstellungen. Wer also mehr über die Südwestfalen erfahren möchte, der sollte sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, um gemütlich über einen der alten Friedhöfe zu schlendern, die bilderreichen Grabstätten vor allem der Unternehmerfamilien zu bestaunen, über den ein oder anderen Sinnspruch nachzudenken und die Ruhe zu genießen.

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