Ein „zur Perfektion gebrachtes Eisenbergwerk“

Dank Anna ist die Luisenhütte (auch) weiblich

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Luisenhütte Balve Foto Märkischer Kreis.jpg

Im Balver Ortsteil Beckum, nahe dem Schloss Wocklum und durch dessen Besitzerfamilie initiiert und lange betrieben, befindet sich die heute museal genutzte Luisenhütte, eine Eisenhütte. Die Gegend war für den Betrieb eines solchen Werkes hervorragend geeignet. Abbauwürdiger Eisenstein befindet sich in unmittelbarer Nähe, Holz, welches zu Holzkohle veredelt wurde, lieferten die umgebenden Wälder und der nutzbare Wasserreichtum sorgte für den Antrieb, sprich Energie für die Wasserräder oder die Wasserkraft. Die Luisenhütte ist ein Beispiel sowohl für adeliges Unternehmertum als auch für unternehmerisch tätige Frauen. Adelige Familien nutzten, bzw. verpachteten ihre Regalien und Mutungsrechte vielfältig: Wasserrechte wurden benötigt zum Betrieb von Wassermühlen für verschiedenste Zwecke (Getreidemühlen, Sägemühlen, Hammerwerke, Papiermühlen etc.). Mutungsrechte auf eigenen Boden erschlossen Bergschätze, auch diese Aktivitäten wurden verpachtet oder selbst genutzt. Adelige Frauen gaben den Anstoß zu unternehmerischen Tätigkeiten bei denen sie selbst involviert waren. Im Falle der Abwesenheit der Ehemänner oder auch bei deren Ableben, mussten sie die Geschäfte weiterführen, entweder selbständig oder mit Hilfe von Verwaltern. Das Erbe musste auch für die Kinder erhalten bleiben.

Frauenpower von Beginn an: Anna Maria Theresia

In Wocklum mit der zugehörigen Hütte spielten die Frauen immer wieder eine bedeutende Rolle. Ohne ihre Tatkraft wäre es nicht möglich gewesen, den Besitz zu erhalten oder zu bewirtschaften. Schon zu Beginn der Gründung der späteren Luisenhütte stand mit Anne Maria Theresia von Landsberg, geborene Reck (1710 - 1765), eine geschäftstüchtige Frau. Anna Maria Theresia war verheiratet mit Franz Kaspar von Landsberg. Auf ihr Betreiben wurden möglicherweise schon vorhandene ehemalige Betriebsstätten wieder aktiviert. Dabei nutzte sie das Wissen ihrer Familie, die im Montanwesen schon engagiert war. Seit den 1730iger Jahren gab es vielfältige wirtschaftliche Bestrebungen, vor allem im Bergwerksbereich und bei der Eisenverhüttung. Die ersten überlieferten Zahlen geben das Jahr 1743 an, zu diesem Zeitpunkt wurde ein Sägewerk errichtet. 1748 erfolgte dann der Bau eines Eisenhütten- und Hammerwerkes. Nach dem Tod ihres Mannes verwaltete und führte sie erfolgreich für ihren minderjährigen Sohn Clemens August von Landsberg (1733 - 1785) die Güter und Geschäfte und konnte diesem 1758 ein "zur perfection gebrachtes Eisenbergwerk“ übergeben. Dass Mutter Anna das Unternehmen vorbildlich geführt hat, lässt sich aus dem entsprechenden "Übergabevertrag" schließen. Dort wird erwähnt: "durch ihre der Frauen Mutter beschehene sorgfältige Vorkehrungen des beym Haus Wocklumb befindliche Eißenbergwerk in gantz gedeylichen fortgang gerathen, und dermahlen auf Ihre Kösten auf den berge Vosloh genandt bereits soviel Eißenstein in Vorrath verschaffet, daß gahr gemächlich vier bis fünf voller Jahre von gehüttet werden mögen“ (So zitiert bei Hinz, S. 33 Z. 27 bis 34 Z. 1 bis 10 - s.u. Literaturhinweise).

Bild: Anna Maria Theresia und Sohn Clemens August

Verwalterin für den Sohn: Therese Caroline geborene Reichsgräfin von Wolff-Metternich zur Gracht

Clemens August von Landsberg war verheiratet mit Anna Theresia Reichsfreiin von Velen (1735 - 1775). Der gemeinsame Sohn Paul Joseph von Landsberg-Velen verstarb 1839, für dessen Sohn Johann Ignaz Franz von Landsberg-Velen (1788 - 1863), führte wiederum seine Mutter Therese Caroline geborene Reichsgräfin von Wolff-Metternich zur Gracht 1765-1805 die Geschäfte. Allerdings verstarb auch sie noch vor der Volljährigkeit von Ignaz.

Bild: Therese Caroline mit Ehegatten Paul Joseph

Die Namenspatin: Ludovika (Louise) Friederike Josephine Reichsgräfin von Westerholt und Gysenberg

Wie kommt es aber, dass dann die Eisenhütte nicht Marien- oder Annahütte, sondern Luisenhütte heißt?
Johann Ignaz von Landsberg-Velen benannte schließlich das Unternehmen in Wocklum nach seiner von ihm offensichtlich sehr geschätzen Frau Ludovika (Louise) Friederike Josephine Reichsgräfin von Westerholt und Gysenberg (+ 1866). Der Ehe entstammen vier Kinder. Die beiden führten offensichtlich eine glückliche Ehe und genossen ihr Familienleben. Durch die häufige beruflich und politisch bedingte Abwesenheit des Ehemannes liefen bei Louise von Landsberg-Velen die Fäden zusammen, sie erledigte die beruflichen und familiären Aufgaben, hauptsächlich von Velen und von Münster aus.

Bild: Louise Friederike und Ehegatte Johann Ignaz

Industriekulturdenkmal und Kulturort: Die Luisenhütte heute

Die Luisenhütte im Besitz der Familie der Grafen von Landsberg-Velen ist eine der ältesten Holzkohle-Hochofenanlagen Deutschlands. Der Hüttenbetrieb wurde allerdings 1864/65 eingestellt, auf Grund der Konkurrenz durch Steinkohlehochöfen. Die Luisenhütte ist ein bemerkenswertes Zeugnis der Frühindustrialisierung und heute als Industriedenkmal ein Vorzeigeobjekt des Märkischen Kreises. Einmal im Jahr heizt "Luise", wie die Hütte liebevoll genannt wird, mit dem Kulturfestival "Live in den Fabrikskes" ein. Daneben werden in der Saison noch weitere Kulturprogramme für Jung und Alt angeboten.
Danke Anna Maria Theresia!

Rund um die Luisenhütte

Die Residenz: Schloss Wocklum in Balve

Schloss Wocklum und der zugehörige Besitz kam durch eine Heirat 1646 in den Besitz der Familie Landsberg. Das heutige Haupthaus entstand ab 1708 und wurde 1752 vollendet. Schon vor dem 30-jährigen Krieg gab es um Wocklum herum Bemühungen die natürlichen Ressourcen gewerblich zu nutzen.
Der Filmclip über Schloss Wocklum führt Sie auf einen kleinen Rundgang durch das Schloss
Text: Marita Völmicke

Literatur:
Günther, Ralf J.: Schloss Wocklum - Geschichten von Adel, Industrie und Sport, Velen 2016.
Böth, Gitta: Johann Ignaz Franz Maria von Landsberg-Velen 1788-1863. Ein adeliger Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter, Münster 2009.
Hinz, Frank-Lothar: Die Geschichte der Wocklumer Eisenhütte 1758-1864 als Beispiel westfälischen adligen Unternehmertums. Eine technik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Untersuchung, Altena 1977